Mission Statement und beteiligte Institutionen

1. Leitbild

Religion ist sowohl in politischen und gesellschaftlichen Debatten als auch in akademischer Forschung erneut zu einem zentralen Thema geworden. Kontrovers diskutiert wird dabei nicht zuletzt die Bedeutung der Religion für den öffentlichen Raum und die damit einhergehenden rechtlichen Aspekte. Auch die Frage nach Werten, Zugehörigkeit und Konvivialität wird darin gestellt. Des Weiteren ist die Frage nach dem Beitrag oder der Gefahr von Religionen angesichts der Herausforderungen durch Urbanisierung, Virtualisierung, Migration und ökologische Krise enthalten, ebenso sehr wie die Interpretation religiöser Traditionen und Texte, die vom Fundamentalismus bis zu Formen der Selbstaufklärung der Religion reicht, sowie die Transformationen des Religiösen in Kunst und Literatur der Gegenwart.

Ungeachtet von Prozessen der Säkularisierung können Gesellschaften nicht unter Ausblendung religiöser Strukturen und theologischer Kategorien analysiert werden. Umgekehrt lassen sich Religionen in ihrem Selbstverständnis nicht ohne die Berücksichtigung gesellschaftlicher und kultureller Kontexte verstehen. Davon ausgehend untersucht das Forschungszentrum „Religion and Transformation in Contemporary Society" (RaT) auf interdisziplinäre Weise, wie sich gesellschaftliche Transformationsprozesse auf Religionen auswirken und welchen Einfluss Wandlungen innerhalb von Religionen auf die Gesellschaften haben.

Seinen Sitz hat das Forschungszentrum an der  Universität Wien, die sowohl in inhaltlicher als auch in methodischer Hinsicht über eine breite Expertise im Bereich der Religionsforschung verfügt. Die Vernetzung bestehender Forschungsprojekte sowie die Generierung neuer gemeinsamer Forschungsfragen ist ein Hauptanliegen von RaT. So bildet das Forschungszentrum ein gemeinschaftliches Projekt von ca. 30 WissenschaftlerInnen an sieben verschiedenen Fakultäten unter der Leitung von Kurt Appel und Sieglinde Rosenberger gemeinsam mit Gerhard Langer und Lukas Pokorny.

An dem Forschungszentrum RaT sind folgende Fakultäten beteiligt: 

Katholische-Theologische Fakultät

Evangelisch-Theologische Fakultät

Fakultät für Sozialwissenschaften

Rechtswissenschaftliche Fakultät

Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät

Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft

Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät

Ein breites Spektrum an wissenschaftlichen Zugängen ermöglicht die interdisziplinäre Behandlung von Fragen und Problemen der wechselseitigen Beeinflussung von Religion und Gesellschaft in zunehmend pluralen Gesellschaften, deren religiöse Landschaft gegenwärtig u.a. durch Säkularisierung, Urbanisierung und Migration in einem unabsehbaren Wandel begriffen ist. Berücksichtigt werden dabei sowohl politische und soziale als auch philosophische, theologische, religionswissenschaftliche, rechtliche, kulturelle und ästhetische Aspekte.


Als gemeinsames Forschungsfeld behandeln die Mitglieder des Forschungszentrums in den kommenden Jahren die Frage nach Formen und Strukturen der Repräsentation, mittels derer religiöse Sinn- Deutungs- und Geltungsansprüche ihren Ausdruck finden. Dabei spielt einerseits die Frage nach den „ästhetischen Programmen“ der Religionen als auch die aktuelle gesellschaftspolitische Thematik "Religion and Boundaries" ein wichtige Rolle.


Die Forschungsaufgaben erfordern methodisch sowohl empirische als auch hermeneutische Zugänge. Einerseits geht es um die tatsächliche Beobachtung gesellschaftlicher Wandlungsprozesse, andererseits ist aber auch die Auslegung der damit in Beziehung stehenden religiösen Texte von entscheidender Bedeutung für das Welt- und Selbstverständnis einer Gesellschaft und der an ihr teilnehmenden Individuen.
Konkret gliedert sich die Arbeit des Forschungszentrums in die folgenden Kernthemen ("Clusters"):

1. Religiöse Gegenwartskulturen in Österreich im Kontext von Migration und Moderne

Wie verändert sich die religiöse Landschaft in Kontexten, die einerseits von einer zunehmenden Säkularisierung, andererseits durch Migration geprägt sind, und welche Rückwirkungen haben diese Veränderungen der religiösen Landschaft auf die Gesellschaft?

2. Ästhetische und normative Transformationen religiöser Texte

Religiöse Texte (“Heilige Schriften”) erfahren im Laufe ihrer Geschichte eine permanente Weiterentwicklung sowohl in ästhetischer als auch in rechtlicher Hinsicht. Wie gestaltet sich dieser zweifache Transformationsprozess unter den gegenwärtigen Bedingungen?

3. Religiöse Bildung in säkularen Gesellschaften

Wie kann religiöse Bildung im Kontext säkularer Gesellschaften Konvivialität, Formen wechselseitiger Anerkennung und Prozesse der Inklusion ermöglichen?

4. Religionsphilosophie in interkultureller Perspektive und Hermeneutik religiöser Texte

Wie gestaltet sich aktuell die Frage nach dem Gottes- und Religionsbegriff sowie die Frage nach Atheismus und Säkularisierung sowohl in interkultureller Hinsicht als auch mit Bezug auf die philosophische Tradition?

Kernthemen (Clusters) 2016-2018:

Reception, Hermeneutics and Normative Transformation of Religous Texts

Religious Fundamentalism and Contemporary Radicalization Trends

Religion and Migration

Religious Education in Secular Societies


2. Ziele, Methoden, Innovationen des Forschungszentrums

1. Religion befindet sich in den gegenwärtigen sozialen Transformationsprozessen selbst in einem Wandel. Sie wird konsequenterweise zu einem Sub-System unter anderen gesellschaftlichen Sub-Systemen, und das traditionelle Christentum wird so als mitbestimmender gesamtgesellschaftlicher Faktor mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt. Legitimation, Identität und Selbstverständnis wurden und werden von der Religion immer weiter abgelöst und gewinnen Eigenständigkeit als gesellschaftliche Transformationsprozesse. Religion erfährt deshalb meist noch höchstens eine Bedeutung für den Privatbereich eines Individuums. Aber im Zusammenhang damit geschehen gerade in den vordergründig von Religion abgekoppelten Gesellschaftsbereichen immer wieder Wandlungsbewegungen und Schwierigkeiten, die ursprünglich von der religiösen Identität der sozialen AgentInnen her verstanden werden kann. Die mit dem gegenwärtigen menschlichen Selbstverständnis der Suche nach ultimativer Sinngebung verwobenen Probleme sind nicht zuletzt religiöse Probleme, da die Religion als die ursprüngliche Instanz der Suche nach gesellschaftlicher und individueller Sinngebung angesehen werden kann. Dies kreiert ein Spannungsverhältnis mit ihrer Einordnung als gesellschaftliches Sub-System unter anderen. Die Klärung dieser Spannung und der damit einhergehenden Forderungen an Religion und Gesellschaft ist eines der Hauptziele des Forschungszentrums.

Aber auch innerhalb religiöser Entwicklungen lässt sich in der Gegenwart ein Zug zur Pluralität feststellen, der sowohl Probleme als auch Möglichkeiten anbietet. Das Aufeinandertreffen verschiedener Religionen gebiert Reibungsflächen positiver und negativer Art, deren Bedeutung auch für andere gesellschaftliche Bereiche nicht einfach ignoriert werden darf.

2. Insgesamt zielt die Arbeit der Plattform auf das Verständnis der Bedeutung der Religion für gesellschaftliche Transformationsprozesse und vice versa des Einflusses, den solche Transformationsprozesse auf die Religion ausüben. Dies betrifft alle genannten Arbeitsgebiete, und reicht von der sozialen Inklusion und Exklusion anhand religiöser Strukturen bis hin zum Spannungsverhältnis zwischen dem Universalanspruch der monotheistischen Religionen und dem Anspruch der Pluralität und Offenheit einer modernen Gesellschaft. Solche Spannungsverhältnisse haben sich sowohl in ihren politischen und rechtlichen, als auch in kulturellen, theologischen und philosophischen Kontexten klären zu lassen. Dabei liegt ein weiterer Kernpunkt auf der Einsicht in das Entstehen und den Wandel religiöser Identitäten in der Gesellschaft und in gesellschaftlichen Gruppierungen. Die gegenwärtigen sozialen Transformationsprozesse bringen in diesem Zusammenhang rasant neue ethische und geistige Herausforderungen hervor, die in ihren Strukturen zu begreifen sind und für deren Probleme Lösungsversuche formuliert werden sollen. Auch hier ist auf den Zusammenhang religiöser Texte für gesellschaftliches Selbstverständnis in hermeneutischer Weise einzugehen. Dabei muss der interreligiöse und interkulturelle Aspekt freilich von zentraler Schlüsselbedeutung sein.

3. Da sich aber die Bedeutung der Religion im gegenwärtigen Europa nur im Kontext eines Verständnisses der Globalisierungs- und Wandlungsbewegungen verstehen lassen, in denen sich Europa befindet, zielt die Plattform auf die Zusammenarbeit verschiedener wissenschaftlicher Bereiche. Ein solcher Zugang zum Verhältnis von Religion und Transformation wurde bisher kaum genutzt. Welche Mechanismen der Technisierung, Pluralisierung und Migration können und müssen in Wechselbeziehung zur Religion verstanden werden? Was ist der Einfluss der Religion auf soziale Inklusion und Exklusion? Wie lässt sich andererseits das kulturelle, rechtliche und politische Gesicht Europas als Einfluss auf seine religiöse Entwicklung begreifen? Dieser Fragenkomplex lässt sich nicht aus einem einzigen methodologischen Zugang angehen. Es kommt auf die Zusammenarbeit aller daran beteiligten Wissenschaften an. Aus diesem Grund wurde der pluralwissenschaftliche Zugang mit theologisch-philosophischen, empirischen und hermeneutischen Methoden gewählt.

4. Das Forschungszentrum ist nicht allein eine in sich geschlossene Gemeinschaft von ForscherInnen, sondern steht der internationalen Zusammenarbeit offen. In diesem Kontext laufen bereits einige Projekte. Eine solche Art der Kooperation ist für das wissenschaftliche Gedeihen der angestrebten Untersuchungen von essentiellem Interesse. Außerdem sollen ebenso Lehrveranstaltungen über Ergebnisse und Forschungen der Plattform angeboten, sowie Kongresse zu ihren Inhalten veranstaltet werden. In diesem Zusammenhang wird auch jungen ForscherInnen die Möglichkeit geboten, das Forschungszentrum als Möglichkeit für ihre Arbeiten zu nutzen.


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